Sommer-Bibellese 31.8.2019

Mt 9,35-38

35 Jesus zog durch alle Städte und Dörfer, lehrte in ihren Synagogen, verkündete das Evangelium vom Reich und heilte alle Krankheiten und Leiden. 36 Als er die vielen Menschen sah, hatte er Mitleid mit ihnen; denn sie waren müde und erschöpft wie Schafe, die keinen Hirten haben. 37 Da sagte er zu seinen Jüngern: Die Ernte ist groß, aber es gibt nur wenig Arbeiter. 38 Bittet also den Herrn der Ernte, Arbeiter für seine Ernte auszusenden!

 V.35 stimmt interessanterweise fast wörtlich mit Mt 4,23 überein: „Er zog in ganz Galiläa umher, lehrte in den Synagogen, verkündete das Evangelium vom Reich und heilte im Volk alle Krankheiten und Leiden.“ Warum diese fast wortwörtliche Übereinstimmung? Kap. 4 beginnt damit, Jesus als den Messias darzustellen, und zwar in Wort (v.a. Bergpredigt) und Tat (v.a. Heilungen). Kap. 9 beendet diese erste Darstellung Jesu mit denselben Worten wie das Kap. 4 begonnen hat, lediglich ‚Galiläa‘ wurde mit ‚alle Städte und Dörfer‘ ersetzt, um den universalen Anspruch Jesu zu unterstreichen. Mt 4,23 und 9,35 bilden also eine Klammer und fassen das wichtigste von Jesu Tätigkeit zusammen: Lehren, verkünden, heilen. Hinzu kommt nun etwas sehr Seltenes: die Erwähnung eines Gefühls Jesu. Jesus hat Mitleid mit den Menschen. Im griechischen Wort für ‚Mitleid haben‘ steckt das Wort ‚Organ‘ oder ‚Gedärm‘ drin. Mitleid zu empfinden heißt, dass an den Organen gerührt wird, dass man einen Schmerz im Gedärm verspürt. Mitleid wird nicht im Kopf verortet, sondern in der Bauchgegend und letztlich kann die Bewegung der Innereien eine solche Wirkung haben, dass sie zu einer Bewegung der Hände und Füße wird, daraus also eine helfende Tat entsteht. Gefühle wie Mitleid zu haben galt in der Antike schwächlich oder weibisch, teilweise ist es ja auch heute noch so. Manchmal wird ja auch von Gott gesagt, dass er über den Gefühlen steht: er ist a-pathisch, gefühl-los, leidensunfähig. Denn was ist das für ein Gott, der mal heiter, mal traurig ist, mal euphorisch, mal ängstlich? Nein, Gott ist unveränderlich, also auch seine Laune!, sagt man. Aber wie verträgt sich das mit der Aussage ‚Gott ist Liebe‘? Gibt es gefühllose Liebe? Apathische Hingabe? Kühle Zuneigung? Mit welchen Augen sah Gott, der Vater, auf seinen leidenden Sohn hinab? Konnte er ‚drüberstehen‘? Wie fühlte sich wohl die Sohneslosigkeit des Vaters am Karsamstag an? Und ist es nicht auffällig, dass vom Vater im Gleichnis vom verlorenen Sohn folgendes gesagt wird, als der reuige Filius nach Hause kommt: „Der Vater sah ihn schon von weitem, und er hatte Mitleid mit ihm.“ (Lk 15,20) Der Vater steht in der Geschichte für Gott, und zwar für einen mitleiderfüllten und zugleich feierwilligen Gott („wir wollen essen und fröhlich sein“, Lk 15,23). Auch Jesus hat in unserem Text Mitleid mit dem Volk: „Denn sie waren müde und erschöpft wie Schafe, die keinen Hirten haben.“ (V.36) Sowohl, dass Jesus Mitleid hat, als auch die Bezeichnung Israels als irrende Schafe kennzeichnet Jesus als wahren Sohn Gottes, denn er fühlt wie Gott fühlt: In Hesekiel 34 finden wir eine lange Rede Gottes an die schlechten Hirten Israels (V.2.5): „Weh den Hirten Israels, die nur sich selbst weiden. (…) Und weil sie keinen Hirten hatten, zerstreuten sich meine Schafe und wurden eine Beute der wilden Tiere.“ Doch was tut Gott? „Jetzt will ich meine Schafe selber suchen und mich selber um sie kümmern.“ (V.11) Die Sammlung von Gottes Schafen hat an Pfingsten begonnen: Gott will alle seine Schafe in eine große Herde sammeln. Dafür braucht es aber Arbeiter: „Bittet also den Herrn der Ernte, Arbeiter für seine Ernte auszusenden!“ (Mt 9,38)

Thomas Stil

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