Sommer-Bibellese 30.8.2019

Mt 9,27-34

27 Als Jesus weiterging, folgten ihm zwei Blinde und schrien: Hab Erbarmen mit uns, Sohn Davids! 28 Nachdem er ins Haus gegangen war, kamen die Blinden zu ihm. Und Jesus sagte zu ihnen: Glaubt ihr, dass ich dies tun kann? Sie antworteten: Ja, Herr. 29 Darauf berührte er ihre Augen und sagte: Wie ihr geglaubt habt, so soll euch geschehen. 30 Da wurden ihre Augen geöffnet. Jesus aber wies sie streng an: Nehmt euch in Acht! Niemand darf es erfahren. 31 Doch sie gingen weg und erzählten von ihm in der ganzen Gegend. 32 Als sie gegangen waren, siehe, da brachte man einen Stummen zu ihm, der von einem Dämon besessen war. 33 Er trieb den Dämon aus und der Stumme konnte reden. Alle Leute staunten und sagten: So etwas ist in Israel noch nie gesehen worden. 34 Die Pharisäer aber sagten: Mit Hilfe des Anführers der Dämonen treibt er die Dämonen aus.

Dass die Heilung von Blinden und die Heilung eines Taubstummen hintereinander erzählt wird, ist kein Zufall: Bereits im Buch Jesaja stehen Blinde und Stumme nebeneinander. In Jes 35, wo die Verheißung des messianischen Heils ausgesprochen wird, heißt es in V.5: „Dann werden die Augen der Blinden geöffnet, / auch die Ohren der Tauben sind wieder offen.“ Wenn also Blinde sehen und Taube wieder hören, dann ist das ein Zeichen, dass das messianische Heil angebrochen ist. Das wird der kundige jüdische Hörer des Matthäusevangeliums spätestens nach diesen beiden Heilungsgeschichten verstanden haben: Jesus ist der Messias, mit ihm ist das Heil angebrochen! So wird auch die eigenwillige Antwort Jesu an Johannes den Täufer verständlich: Johannes saß im Gefängnis (vgl. Lk 3,19f.), hörte aber einiges von Jesu Taten. So ließ er Jesus durch Gesandte fragen: „Bist du der, der kommen soll, oder müssen wir auf einen andern warten?“ (Lk 7,19) Anstelle direkt zu antworten, sagt Jesus: „Geht und berichtet Johannes, was ihr gesehen und gehört habt: Blinde sehen wird, Lahme gehen, und Aussätzige werden rein; Taube hören, Tote stehen auf, und den Armen wird das Evangelium verkündet.“ (Lk 7,22) An Jesus erscheinen die Zeichen des messianischen Heils, so ist die Sache für Johannes klar. Dürfen und sollen auch wir mit solchen Zeichen noch rechnen? Muss es in christlichen Kreisen Spontanheilungen von Blinden und Taubstummen geben? Ich würde sagen: Ja und Nein. Ja, solche Zeichen und Wunder kann es auch heute noch geben, denn das messianische Heil ist mit Jesus bereits angebrochen. Aber auch Nein, denn das Heil ist zugleich zukünftig, auf das volle Heil gehen wir erst noch zu. Die Theologie spricht an dieser Stelle vom „eschatologischen Vorbehalt“: Eschatologisch bedeutet ‚die letzten Dinge betreffend‘, womit eben Tod, Auferstehung usw. gemeint ist. Der eschatologische Vorbehalt drückt also aus, dass wir in einem Spannungsverhältnis von schon jetzt und noch nicht leben: Dadurch dürfen wir einerseits den Einbruch des Reiches Gottes schon jetzt erhoffen, z.B. in Form von Spontanheilungen, andererseits können wir diesen Einbruch aber nicht befehlen. Auch wenn also die Kirche Blinde nicht sehend und Taube nicht hörend machen kann, werden interessanterweise z.B. bei der nach römisch-katholischem Ritus gefeierten Taufe der Mund und die Ohren des Täuflings einbezogen: Der Zelebrant berührt nach der eigentlichen Taufe Ohren und Mund und spricht „Effata!“, das bedeutet „Öffne dich“. Auf diese Weise ahmt der Priester zeichenhaft das Wirken Jesu nach, welcher ja ebenso einen Taubstummen mit dem Wort „Effata“ heilte (Mk 7,31-37). Gewiss, es ist ein großes Wunder, wenn ein Taubstummer wieder hören und sprechen kann; aber ist es nicht mindestens ein genauso großes Wunder, wenn jemand in der Lesung der Heiligen Schrift auf einmal das Wort Gottes mit den Ohren zu vernehmen und Jesus als den Messias Gottes mit dem Mund zu bekennen vermag?

Thomas Stil