Sommer-Bibellese 15.8.2019

Mt 7,7-11

7 Bittet und es wird euch gegeben; sucht und ihr werdet finden; klopft an und es wird euch geöffnet! 8 Denn wer bittet, der empfängt; wer sucht, der findet; und wer anklopft, dem wird geöffnet. 9 Oder ist einer unter euch, der seinem Sohn einen Stein gibt, wenn er um Brot bittet, 10 oder eine Schlange, wenn er um einen Fisch bittet? 11 Wenn nun ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben zu geben wisst, wie viel mehr wird euer Vater im Himmel denen Gutes geben, die ihn bitten.

V.7 enthält die Aufforderungen: Bittet, sucht, klopft an! V.8 begründet diese Aufforderungen mit Verheißungen: Der Bittende empfängt, der Suchende findet, dem Anklopfenden wird geöffnet. Entspricht das unserer Erfahrung? Ja und Nein. Das Kind erhält im Spielwarenladen nicht alles, worum es bittet und der verzweifelnd Suchende findet wahrscheinlich auch nicht immer alles in der Abstellkammer. Und doch hat Jesus schon recht: Wenn mich meine Tochter um Brot bittet, wer bin ich, dass ich es ihr verweigere? (Etwas anderes ist es natürlich, wenn sie mich durchweg um Nutellabrot bittet.) Interessanterweise steht neben der Einsicht, dass die Menschen böse sind (vgl. Mt 15,19), die Auskunft, dass dieselben Menschen gute Gaben geben können (V. 11). Aber warum ist denn der Mensch böse zu nennen, wenn er doch Gutes tut oder tun kann? ‚Böse‘ ist in diesem Kontext nicht moralisch, sondern theologisch bzw. aus dem Verhältnis zu Gott heraus zu verstehen: Allein Gott ist der Gute (Mt 19,17) und das Verhältnis des Menschen zu Gott ist gestört, er ist vom Guten geschieden. Das Böse-Sein des Menschen ist sein Geschieden-Sein von Gott. Und dennoch leuchtet in jedem Menschen das Väterliche und Mütterliche Gottes auf: Jeder (psychisch gesunde) irdische Vater und jede (psychisch gesunde) irdische Mutter würde die notwendigen Bedürfnisse des Kindes erfüllen. Wieviel mehr der himmlische Vater! Er ist also der rechte Adressat unserer Bitten. Freilich ist Jesu Anweisung zum Beten nicht als unfehlbar wirkender Zauberritus zu verstehen. Bittgebete ‚klappen‘ nicht immer! Manche christlichen Gruppierungen gehen aber davon aus: Dadurch begehen sie in meinen Augen aber geistlichen Missbrauch. Denn dann werden Noterklärungen nötig: ‚Gott hat dein Kind noch nicht geheilt, weil er deine Geduld noch testen möchte‘. ‚Du musst noch ganz rein werden, erst dann wird der finanzielle Segen über deine Familie kommen‘. Bei all dieser notwendigen Kritik an einem am Wunschautomaten orientierten Gebetsverständnis ist solchen Gruppierungen zuzugestehen, dass sie ernst machen mit Jesu Verheißung: Wer bittet, der empfängt! Auch johanneische Texte enthalten übrigens eine solche vertrauensvolle Gebetslehre (Joh 14,14; 1 Joh 5,14f.). Ich kann gut nachvollziehen, dass man nach einem Bittgebet nun überlegt: Wann empfange ich jetzt das Erbetene? Und wie? Und wodurch? Die Bibelwissenschaftler sind sich weitestgehend darin einig, dass es bei der Gebetslehre Jesu besonders um die Gewissheit der Erhörung und um das Aufhören des Sich-Sorgens geht: Wer sich mit seinen irdischen Nöten an Gott, den Vater, wendet, der soll wissen, dass seine Nöte gehört wurden. Die Nöte verschwinden vielleicht nicht sofort – wobei auch dies auf jeden Fall vorkommen kann! – aber sie sind dadurch leichter zu tragen. Wie gesagt, vielleicht erhalten wir nach unseren Gebeten nicht das gewünschte Irdische wie z.B. Gesundheit, aber bitten wir ehrlich um den Empfang von Himmlischem, dann wird unser Gebet sicherlich erhört: Wer um Sündenvergebung bittet, erhält sie; wer Gott sucht, findet ihn; wer bei Jesus anklopft, dem wird Einlass gewährt.

Thomas Stil

 

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