Sommer-Bibellese 9.8.2019

Mt 6,5-15

 5 Wenn ihr betet, macht es nicht wie die Heuchler! Sie stellen sich beim Gebet gern in die Synagogen und an die Straßenecken, damit sie von den Leuten gesehen werden. Amen, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn bereits erhalten. 6 Du aber, wenn du betest, geh in deine Kammer, schließ die Tür zu; dann bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist! Dein Vater, der auch das Verborgene sieht, wird es dir vergelten. 7 Wenn ihr betet, sollt ihr nicht plappern wie die Heiden, die meinen, sie werden nur erhört, wenn sie viele Worte machen. 8 Macht es nicht wie sie; denn euer Vater weiß, was ihr braucht, noch ehe ihr ihn bittet. 9 So sollt ihr beten: Unser Vater im Himmel, geheiligt werde dein Name, 10 dein Reich komme, dein Wille geschehe wie im Himmel, so auf der Erde. 11 Gib uns heute das Brot, das wir brauchen! 12 Und erlass uns unsere Schulden, wie auch wir sie unseren Schuldnern erlassen haben! 13 Und führe uns nicht in Versuchung, sondern rette uns vor dem Bösen! 14 Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, dann wird euer himmlischer Vater auch euch vergeben. 15 Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, dann wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben.

Das Judentum zur Zeit Jesu kannte verschiedene Gebetsformen: Das gemeinsame Gebet im Tempel und in der Synagoge, das private, liturgisch festgelegte zu Hause sowie das ganz freie, aus der Augenblickssituation heraus geborene. Die damaligen Juden hatten – wie wir es aus unseren Breitengraden vor allem von den Muslimen kennen – feste Gebetszeiten: Befindet man sich während einer Gebetszeit auf der Straße, bleibt man stehen, wendet sein Gesicht in Richtung des Jerusalemer Tempels und betet. Dabei sollte man nicht mitten auf der Straße stehen bleiben, sondern sich in einen Winkel zurückziehen. Ob manche dieser Empfehlung nicht nachkamen? Es könnte wohl sein, dass es dem einen oder anderen gefiel, beim Beten gesehen zu werden und sich eben nicht vor den Blicken zu verstecken. Jesus rügt dieses Verhalten: „Sie haben ihren Lohn bereits erhalten.“ (V.5) Aus diesem Wort Jesu könnte man übrigens zurückschließen, dass das Gebet nur für Gott ist und er es ist, der das Gebet ‚belohnt‘ – ein für uns etwas eigenartiger Gedanke. Die Auskunft, dass Gott fromme Werke vergilt bzw. belohnt, kommt in der Bergpredigt übrigens häufiger vor (Mt 6,1.4.18). Protestantische Bibelauslegung hat diesen Aspekt gerne vernachlässigt, da dieser irgendwie in Konflikt gerät mit der Rechtfertigung des Gottlosen durch Glauben allein. Aber noch einmal zurück zum ‚heuchlerischen‘ Beten: Ich denke, das Problem unserer Zeit ist nicht so sehr, dass die Gläubigen gerne vor anderen beten, um gesehen zu werden. Neulich machte ich aber eine interessante Erfahrung: Ich war mit einer katholischen Freundin zu Fuß unterwegs und auf dem Weg kamen wir zufällig an zwei katholischen Kirchen vorbei. Immer wenn eine Kirche in unser Blickfeld geriet, bekreuzigte sie sich – als wäre das völlig normal. Das war für mich sehr fremd – macht sie das jetzt wegen mir? Ich denke nicht, denn ich weiß, wie sehr sie solche Glaubenspraktiken auch im öffentlichen Alltag integriert hat und diese aus dem Glauben heraus kommen. Das ist jedoch heute gewiss die Ausnahme: Die Frömmigkeit ist aus der westlichen Öffentlichkeit nahezu verschwunden, Beten ist Privatsache. Und wenn Beten Privatsache ist, mir dabei niemand zuschaut – dann kann ich’s eigentlich auch ganz sein lassen. Darum gilt die Mahnung nicht nur den Heuchlern: „Du aber, wenn du betest, geh in deine Kammer, schließ die Tür zu; dann bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist!“ (V.6)

 

Thomas Stil

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