Sommer-Bibellese 31.8.2019

Mt 9,35-38

35 Jesus zog durch alle Städte und Dörfer, lehrte in ihren Synagogen, verkündete das Evangelium vom Reich und heilte alle Krankheiten und Leiden. 36 Als er die vielen Menschen sah, hatte er Mitleid mit ihnen; denn sie waren müde und erschöpft wie Schafe, die keinen Hirten haben. 37 Da sagte er zu seinen Jüngern: Die Ernte ist groß, aber es gibt nur wenig Arbeiter. 38 Bittet also den Herrn der Ernte, Arbeiter für seine Ernte auszusenden!

 V.35 stimmt interessanterweise fast wörtlich mit Mt 4,23 überein: „Er zog in ganz Galiläa umher, lehrte in den Synagogen, verkündete das Evangelium vom Reich und heilte im Volk alle Krankheiten und Leiden.“ Warum diese fast wortwörtliche Übereinstimmung? Kap. 4 beginnt damit, Jesus als den Messias darzustellen, und zwar in Wort (v.a. Bergpredigt) und Tat (v.a. Heilungen). Kap. 9 beendet diese erste Darstellung Jesu mit denselben Worten wie das Kap. 4 begonnen hat, lediglich ‚Galiläa‘ wurde mit ‚alle Städte und Dörfer‘ ersetzt, um den universalen Anspruch Jesu zu unterstreichen. Mt 4,23 und 9,35 bilden also eine Klammer und fassen das wichtigste von Jesu Tätigkeit zusammen: Lehren, verkünden, heilen. Hinzu kommt nun etwas sehr Seltenes: die Erwähnung eines Gefühls Jesu. Jesus hat Mitleid mit den Menschen. Im griechischen Wort für ‚Mitleid haben‘ steckt das Wort ‚Organ‘ oder ‚Gedärm‘ drin. Mitleid zu empfinden heißt, dass an den Organen gerührt wird, dass man einen Schmerz im Gedärm verspürt. Mitleid wird nicht im Kopf verortet, sondern in der Bauchgegend und letztlich kann die Bewegung der Innereien eine solche Wirkung haben, dass sie zu einer Bewegung der Hände und Füße wird, daraus also eine helfende Tat entsteht. Gefühle wie Mitleid zu haben galt in der Antike schwächlich oder weibisch, teilweise ist es ja auch heute noch so. Manchmal wird ja auch von Gott gesagt, dass er über den Gefühlen steht: er ist a-pathisch, gefühl-los, leidensunfähig. Denn was ist das für ein Gott, der mal heiter, mal traurig ist, mal euphorisch, mal ängstlich? Nein, Gott ist unveränderlich, also auch seine Laune!, sagt man. Aber wie verträgt sich das mit der Aussage ‚Gott ist Liebe‘? Gibt es gefühllose Liebe? Apathische Hingabe? Kühle Zuneigung? Mit welchen Augen sah Gott, der Vater, auf seinen leidenden Sohn hinab? Konnte er ‚drüberstehen‘? Wie fühlte sich wohl die Sohneslosigkeit des Vaters am Karsamstag an? Und ist es nicht auffällig, dass vom Vater im Gleichnis vom verlorenen Sohn folgendes gesagt wird, als der reuige Filius nach Hause kommt: „Der Vater sah ihn schon von weitem, und er hatte Mitleid mit ihm.“ (Lk 15,20) Der Vater steht in der Geschichte für Gott, und zwar für einen mitleiderfüllten und zugleich feierwilligen Gott („wir wollen essen und fröhlich sein“, Lk 15,23). Auch Jesus hat in unserem Text Mitleid mit dem Volk: „Denn sie waren müde und erschöpft wie Schafe, die keinen Hirten haben.“ (V.36) Sowohl, dass Jesus Mitleid hat, als auch die Bezeichnung Israels als irrende Schafe kennzeichnet Jesus als wahren Sohn Gottes, denn er fühlt wie Gott fühlt: In Hesekiel 34 finden wir eine lange Rede Gottes an die schlechten Hirten Israels (V.2.5): „Weh den Hirten Israels, die nur sich selbst weiden. (…) Und weil sie keinen Hirten hatten, zerstreuten sich meine Schafe und wurden eine Beute der wilden Tiere.“ Doch was tut Gott? „Jetzt will ich meine Schafe selber suchen und mich selber um sie kümmern.“ (V.11) Die Sammlung von Gottes Schafen hat an Pfingsten begonnen: Gott will alle seine Schafe in eine große Herde sammeln. Dafür braucht es aber Arbeiter: „Bittet also den Herrn der Ernte, Arbeiter für seine Ernte auszusenden!“ (Mt 9,38)

Thomas Stil

Sommer-Bibellese 30.8.2019

Mt 9,27-34

27 Als Jesus weiterging, folgten ihm zwei Blinde und schrien: Hab Erbarmen mit uns, Sohn Davids! 28 Nachdem er ins Haus gegangen war, kamen die Blinden zu ihm. Und Jesus sagte zu ihnen: Glaubt ihr, dass ich dies tun kann? Sie antworteten: Ja, Herr. 29 Darauf berührte er ihre Augen und sagte: Wie ihr geglaubt habt, so soll euch geschehen. 30 Da wurden ihre Augen geöffnet. Jesus aber wies sie streng an: Nehmt euch in Acht! Niemand darf es erfahren. 31 Doch sie gingen weg und erzählten von ihm in der ganzen Gegend. 32 Als sie gegangen waren, siehe, da brachte man einen Stummen zu ihm, der von einem Dämon besessen war. 33 Er trieb den Dämon aus und der Stumme konnte reden. Alle Leute staunten und sagten: So etwas ist in Israel noch nie gesehen worden. 34 Die Pharisäer aber sagten: Mit Hilfe des Anführers der Dämonen treibt er die Dämonen aus.

Dass die Heilung von Blinden und die Heilung eines Taubstummen hintereinander erzählt wird, ist kein Zufall: Bereits im Buch Jesaja stehen Blinde und Stumme nebeneinander. In Jes 35, wo die Verheißung des messianischen Heils ausgesprochen wird, heißt es in V.5: „Dann werden die Augen der Blinden geöffnet, / auch die Ohren der Tauben sind wieder offen.“ Wenn also Blinde sehen und Taube wieder hören, dann ist das ein Zeichen, dass das messianische Heil angebrochen ist. Das wird der kundige jüdische Hörer des Matthäusevangeliums spätestens nach diesen beiden Heilungsgeschichten verstanden haben: Jesus ist der Messias, mit ihm ist das Heil angebrochen! So wird auch die eigenwillige Antwort Jesu an Johannes den Täufer verständlich: Johannes saß im Gefängnis (vgl. Lk 3,19f.), hörte aber einiges von Jesu Taten. So ließ er Jesus durch Gesandte fragen: „Bist du der, der kommen soll, oder müssen wir auf einen andern warten?“ (Lk 7,19) Anstelle direkt zu antworten, sagt Jesus: „Geht und berichtet Johannes, was ihr gesehen und gehört habt: Blinde sehen wird, Lahme gehen, und Aussätzige werden rein; Taube hören, Tote stehen auf, und den Armen wird das Evangelium verkündet.“ (Lk 7,22) An Jesus erscheinen die Zeichen des messianischen Heils, so ist die Sache für Johannes klar. Dürfen und sollen auch wir mit solchen Zeichen noch rechnen? Muss es in christlichen Kreisen Spontanheilungen von Blinden und Taubstummen geben? Ich würde sagen: Ja und Nein. Ja, solche Zeichen und Wunder kann es auch heute noch geben, denn das messianische Heil ist mit Jesus bereits angebrochen. Aber auch Nein, denn das Heil ist zugleich zukünftig, auf das volle Heil gehen wir erst noch zu. Die Theologie spricht an dieser Stelle vom „eschatologischen Vorbehalt“: Eschatologisch bedeutet ‚die letzten Dinge betreffend‘, womit eben Tod, Auferstehung usw. gemeint ist. Der eschatologische Vorbehalt drückt also aus, dass wir in einem Spannungsverhältnis von schon jetzt und noch nicht leben: Dadurch dürfen wir einerseits den Einbruch des Reiches Gottes schon jetzt erhoffen, z.B. in Form von Spontanheilungen, andererseits können wir diesen Einbruch aber nicht befehlen. Auch wenn also die Kirche Blinde nicht sehend und Taube nicht hörend machen kann, werden interessanterweise z.B. bei der nach römisch-katholischem Ritus gefeierten Taufe der Mund und die Ohren des Täuflings einbezogen: Der Zelebrant berührt nach der eigentlichen Taufe Ohren und Mund und spricht „Effata!“, das bedeutet „Öffne dich“. Auf diese Weise ahmt der Priester zeichenhaft das Wirken Jesu nach, welcher ja ebenso einen Taubstummen mit dem Wort „Effata“ heilte (Mk 7,31-37). Gewiss, es ist ein großes Wunder, wenn ein Taubstummer wieder hören und sprechen kann; aber ist es nicht mindestens ein genauso großes Wunder, wenn jemand in der Lesung der Heiligen Schrift auf einmal das Wort Gottes mit den Ohren zu vernehmen und Jesus als den Messias Gottes mit dem Mund zu bekennen vermag?

Thomas Stil

Sommer-Bibellese 29.8.2019

Mt 9,18-26 (Basisbibel)
Jesus heilt eine Frau und weckt ein Mädchen vom Tod auf

18 Während Jesus mit den Jüngern von Johannes sprach, sieh doch: Da kam einer der Synagogenleiter dazu. Er warf sich vor ihm nieder und sagte: »Meine kleine Tochter ist gerade gestorben. Bitte komm mit und lege ihr deine Hand auf – dann wird sie wieder lebendig.« 19 Jesus stand auf und folgte ihm. Auch seine Jünger kamen mit. 20 Und sieh doch: Da kam eine Frau von hinten an Jesus heran, die seit zwölf Jahren an Blutungen litt. Sie berührte eine Quaste seines Mantels21 Denn sie sagte sich: »Wenn ich nur seinen Mantel berühre, werde ich gesund.« 22 Jesus drehte sich um. Als er sie sah, sagte er: »Fasse Mut, meine Tochter! Dein Glaube hat dich gerettet!« Von diesem Augenblick an war die Frau gesund. 23 Dann kam Jesus in das Haus des Synagogenleiters. Er sah die Flötenspieler und die aufgeregten Menschen. 24 Er sagte: »Geht hinaus! Das Mädchen ist nicht tot, sondern es schläft nur.« Da lachten die Leute ihn aus. 25 Er aber warf die Volksmenge hinaus. Dann ging er hinein zu dem Mädchen und ergriff seine Hand – da stand es auf. 26 Die Nachricht darüber breitete sich in der ganzen Gegend aus.

Als Gemeindevorstand haben wir gemeinsam diesen Text gelesen und Gedanken dazu ausgetauscht. Was für eine Vertrauensgeschichte. Der Synagogenleiter, wie auch die Frau, die an Blutungen litt hatten größtes Vertrauen und den festen Glauben, dass Jesus helfen kann, heilen kann, auferwecken kann. Dinge, die kaum vorstellbar sind, sind möglich bei Jesus.
In diesem Text folgt Jesus der Bitte des Synagogenleiters, wie die Jünger, die er beruft. Jesus stand auf und folgte ihm. Und doch folgt er zunächst nur ein Stück, sein Jünger mit ihm. Dann folgt doch schnell eine Unterbrechung. Was wird er gedacht haben, der Vater, der seine Tochter tot weiß, nicht mit all den anderen im Haus trauert und die Trauerrituale durchführt. Wurde er unsicher, ob er das Richtige tut? Hatte er Geduld und Zeit und in seinem Vertrauen und Glauben unumstößlich? Wir wissen es nicht. Aber wir lernen: Unterbrechungen sind immer möglich. Und doch ist Jesus unterwegs mit dem Vater. Auch heute unterwegs mit uns.
Die blutflüssige Frau hatte sicher eine lange Leidenszeit und Ausgrenzung hinter sich, als eine Frau, die nach jüdischem Glauben unrein war. Sicherlich hatte sie alle schon versucht, um Heilung zu erfahren und nun versucht sie es in großem Vertrauen nocheinmal. Hoffnungsvoll, „wenn ich nur einen Faden seines Mantel berühre, werde ich gesund.“ Ihr Glaube hat sie gerettet.
Manches Mal werden wir die sein, die Jesus unterbrechen, manches Mal werden wir die Wartenden sein.
Kurz bevor ich diese Zeilen schreibe habe ich stillgeborene Kinder begraben. Drei mal im Jahr tragen die Seelsorgerinnen der Frauenklinik und ich bei der Sammelbestattung diese Kinder zu Grabe. Es fällt mir schwer angesichts der Trauer und des Todes diesen Bericht zu lesen. So viele, die nicht auferweckt werden, so viele die nicht leben können. Dann kommt mir doch die Unterbrechung in den Sinn und der Mut, den der Vater hier hatte. Ich weiß auch, dass manches ganz anders gedacht werden muss. Ich weiß, dass Jesus nicht alle zum Leben erweckte. Ich weiß, dass unser Leben endlich und vergänglich ist auf dieser Erde. Dass Jesus über jedes Leben weint und mitleidet mit den Trauernden. Ich glaube, dass wir unterbrochen werden und gerade hier Mut, Vertrauen, Glaube und Hoffnung gesät wird.
Diese Erzählung erinnert uns, dass wir auch ganz anders denken dürfen, dass wir an Situationen auch ganz anders rangehen sollen, als gewohnt. Jesus lässt sich rufen, Jesus folgt, geht mit, lässt sich unterbrechen. – Dazu den Mut aufbringen, Jesus aufzusuchen, zu rufen und auch zu vertrauen, wenn etwas dazwischen kommt, das lernen und einüben, dazu macht dieser Text Mut.

Damaris Hecker

Sommer-Bibellese 28.8.2019

Mt 9, 14-17, Es ist nicht viel Zeit zum Fasten (aus Online-Basisbibel)

14 Danach kamen die Jünger von Johannes zu Jesus. Sie fragten: »Warum fasten wir und die Pharisäer so oft, aber deine Jünger nicht?«
15 Jesus antwortete ihnen: »Sollen die Hochzeitsgäste etwa trauern, solange der Bräutigam bei ihnen ist? Aber es wird eine Zeit kommen, da wird der Bräutigam aus ihrer Mitte gerissen. Dann werden sie fasten.
16 Niemand näht ein neues Stück Stoff auf einen alten Mantel. Denn der neue Stoff wird vom Mantel abreißen und der Riss wird größer als vorher.
17 Niemand füllt neuen Wein in alte Weinschläuche. Sonst platzen die Schläuche. Der Wein läuft aus und die Schläuche werden unbrauchbar. Nein: Neuer Wein gehört in neue Schläuche, so bleiben beide erhalten.«

Andacht

Sicher war das Fasten der Jünger des Johannes ein ernsthaftes inneres Fasten und weniger ein traditionelles äußerlichen Fasten, wie es damals viele Pharisäer pflegten. Aber sie hatten nicht ausreichend verstanden, dass mit Jesus derjenige unter ihnen war, welchem die volle Zuneigung hätte gewidmet werden sollen. Jesus vergleicht seine Anwesenheit mit dem des Bräutigams auf einer Hochzeit – da wäre es doch seltsam, wenn der Bräutigam und die Braut nicht Mittelpunkt wären.Bild Geschenk der Gnade
Die Pharisäer konnten nicht verstehen und akzeptieren, dass Gott in der Person Jesu Gnade übte an Zöllnern und Sündern, also an Menschen, die in den Augen der Pharisäer „das Gesetz nicht kannten“. Jesus sagt, dass gerade diese außenstehenden Menschen und das ganze Volk Israel und darüber hinaus, Gottes Wort nötig hatten.
Gottes Gebote wurden in Gesetze umgewandelt und nun nahm Gott die Kreuzigung Jesu zum Anlass, etwas ganz Neues, nämlich seine Gnade einzuführen.
Jesus verkörperte dies Neue, während die Jünger des Johannes, zumindest noch teilweise, für das Alte standen, von dem sie sich offenbar noch nicht lösen konnten.
Wer dieses Neue mit dem alten System verbinden will, indem er sozusagen einen neuen Flicken auf ein altes Kleidungsstück näht oder neuen Wein in alte Schläuche füllt, der würde das Alte zerstören und das Neue kaputt machen bzw. seine Entfaltung hemmen. Jesus möchte aber das alte Gesetz durch die neue Gnade ablösen.
Die neue Freude, die Jesus brachte, konnte in den mit der Zeit entstandenen gesetzlichen Formen und Riten keinen Ausdruck finden.
Die wahre Lebenskraft des Christen entspringt dem Bewusstsein, dem Leben, der Inanspruchnahme und dem Weitergeben der Gnade. Ein solches Leben ist geprägt von Aufmerksamkeit, Solidarität, Gerechtigkeit und Bewusstheit.

„Gnade verdient man sich nicht; sie wird einem angeboten.“

Lasst uns täglich dieser Gnade bewusst sein und in ihr leben.

Amen

 

Von Manfred Groß

Sommer-Bibellese 27.8.2019

Mt 9,9-13 (Basisbibel)

Jesus beruft Matthäus und isst mit den Zolleinnehmern

9 Jesus ging von dort weiter. Da sah er einen Mann an seiner Zollstation sitzen, der hieß Matthäus. Jesus sagte zu ihm: »Komm, folge mir!« Da stand er auf und folgte ihm. 10 Später war Jesus im Haus zum Essen. Und sieh doch: Viele Zolleinnehmer und andere mit Schuld beladene Menschen kamen dazu. Sie aßen mit Jesus und seinen Jüngern. 11 Als die Pharisäer das sahen, sagten sie zu seinen Jüngern: »Warum isst euer Lehrer mit Zolleinnehmern und solchen schuldbeladenen Menschen?« 12 Jesus hörte das und gab ihnen zur Antwort: »Nicht die Gesunden brauchen einen Arzt, sondern die Kranken. 13 Überlegt doch einmal, was es bedeutet, wenn Gott sagt: ›Ich will, dass ihr barmherzig seid, und nicht, dass ihr mir irgendwelche Opfer bringt!‹ Ich bin nicht gekommen, um die Gerechten zur Umkehr zu rufen, sondern die Menschen, die voller Schuld sind.«

 

Jesus öffnet nicht nur Augen, er hat offene Augen. Er sieht die Welt um sich herum, er sieht Menschen, Wohlhabende wie Arme, Gebildete wie Ungebildete, er sieht was sie brauchen. Er sieht ihre Bedürftigkeit.

„Jesus ging von dort weiter. Und sieht einen Mann an seiner Zollstation sitzen.“

Ich versuche immer wieder bewusst durch unsere Stadt zu gehen. Erst durch dieses „Bewusst-machen“ habe ich erkannt, wie oft mein Blick total verschlossen ist, dann sehe ich nichts und niemanden. Mache ich es mir bewusst, schaue und beobachte, dann sehe ich so viele, die nichts und niemanden sehen. Aber ich sehe auch Menschen mit unterschiedlichen Herausforderungen, Menschen mit sichtbaren Handicaps, andere die makellos scheinen, Menschen mit Taschen und Tüten voller Einkäufe und Menschen mit Taschen und Tüten voll mit all ihrem Hab und Gut.

Jesus sah sie alle. Jesus sieht sie alle. Und Jesus sprach sie an, lud sie ein, forderte sie auf und ganz oft aß er mit ihnen.

Ich habe zum Wiederholten Male einen Mann in der Stadt gesehen: In seinem nicht passenden Rollstuhl sitzend, die Armut ist ihm Anzusehen, er schaut in Leere. Jedes Mal. Hat er überhaupt ein zu Hause? Das letzte Mal als ich ihn sah, habe ich entschieden, dass ich ihm etwas zu essen kaufe. Ich habe nicht mit ihm gegessen, nicht lange mit ihm gesprochen, ihn nicht eingeladen. Ich habe einen Anfang gemacht. Einen Anfang, ich habe Lebensmittel gekauft, ihn angesprochen, es ihm gegeben, ihm einen guten Appetit gewünscht und bin weiter gegangen. Vielleicht wird das nächste Mal mehr daraus. Jesus hätte es getan, er hätte ihn gesucht, angesprochen.

Barmherzig denken ist leichter als danach zu handeln.

Lasst uns heute mit offenen Augen durch die Welt gehen. Durch unsere Straße, durch unseren Stadtteil, zur Arbeit, zu Freundinnen und Freunden. Sehen, wem wir da unterwegs begegnen. Hinsehen. Wahrnehmen. Barmherzig sein. Barmherzig werden. Jesus folgen.

Damaris Hecker

Sommer-Bibellese 26.8.2019

Mt 9,1-8 – Sündenvergebung ist keine Kleinigkeit

Und er stieg in ein Boot, fuhr über den See und kam in seine Vaterstadt. 2 Da brachten sie einen Gelähmten zu ihm, der auf einem Bett lag. Und als Jesus ihren Glauben sah, sagte er zu dem Gelähmten: Sei getrost, Kind, dir sind die Sünden vergeben. 3 Da dachten einige der Schriftgelehrten bei sich: Der lästert! 4 Jesus, der sie durchschaute, sprach: Was sinnt ihr Böses? 5 Was ist leichter? Zu sagen: Dir sind die Sünden vergeben, oder zu sagen: Steh auf und zeig, dass du gehen kannst? 6 Damit ihr aber wisst, dass der Menschensohn Vollmacht hat, auf Erden Sünden zu vergeben – sagt er zu dem Gelähmten: Steh auf, nimm dein Bett und geh nach Hause! 7 Und der stand auf und ging nach Hause. 8 Als die Leute das sahen, erschraken sie und priesen Gott, der den Menschen solche Vollmacht gegeben hat.[1]

Die Rede von der Sündenvergebung klingt vielen in unserer heutigen Zeit nach seltsamem Kirchensprech (Kananäisch). Sie können mit dem Begriff der Sünde nichts mehr anfangen; er ist verbrannte Erde, angezündet auch durch das Feuer eines kirchlich-gesellschaftlichen Moralismus. Andere haben diesen Begriff so sehr verinnerlicht, dass das Faszinierende, das Überraschende, ja das Wunderbare an Sündenvergebung hinter den immer wieder gleichen Phrasen verschwunden ist. Kurzum: Entweder halten wir diese Idee für ausgedient oder für zwar zentral, aber selbstverständlich.

Der heutige Text der Bibellese erzählt davon, wie Sündenvergebung konkret wird, und macht damit wieder lebendig, was als lebloser und belasteter Begriff erscheint. Da nehmen es Menschen auf sich, einen Gelähmten durch die Menschenmassen hindurch zu Jesus zu bringen (vgl. die Parallele in Mk 2). All ihre Hoffnungen auf einen Neubeginn liegen auf Jesus, sein Ruf als Wundertäter eilt ihm voraus. Vermag er den gelähmten Freund zu heilen? Dann geschieht das Überraschende. Jesus vollzieht keine Heilungsrituale, er adressiert nicht einmal verbal die Krankheit. Nein, er gräbt tiefer. Rührt an den dunklen Tiefen unserer menschlichen Existenz: Wir Menschen verfehlen uns selbst, was wir sein wollen und sein sollen. Zu oft suchen wir egoistisch das Unsrige, statt das Beste unserer Nächsten. In uns selbst verkrümmt sind wir alle angewiesen auf den liebevollen Blick der Vergebung, der hinter diese Dunkelheit blickt, ja, der durch ihn hindurch unsere Person ansieht. In diesem Licht der Liebe sind wir mehr als die Summe unserer Verfehlungen: als Person sind wir einfach liebenswert. „Deine Sünden sind Dir vergeben“ – dieser Satz verdichtet diese Einsicht und spricht dem Gelähmten zu, dass auch er von Gottes liebevollem Blick getroffen ist.

Dass dieser Satz ein machtvoller Satz ist, davon zeugen die Reaktionen der Pharisäer. Sie wittern Blasphemie, Gotteslästerung, Anmaßung, Selbstüberschätzung. Denn so leicht ist es doch nicht für uns Menschen, Sünden zu vergeben. Zu groß ist die Gefahr, dass wir doch heimlich nachtragend sind, zu groß ist die Gefahr, dass wir diesen Satz in falschem Geist sagen (aus vermeintlich moralischer Überlegenheit). Sündenvergebung ist alles andere als einfach. Und so ist die Heilung der Krankheit in ihrer Wirkung vielleicht klarer zu erkennen. Die Sündenvergebung ist demgegenüber doch das ungleich größere Wunder (die Verbindung zwischen Sünde und Krankheit ist übrigens die große Schwierigkeit der Textpassage, die Matthäus unkritisch mit der Tradition einfach vorausgesetzt wird).

Diese Sündenvergebung ist daher ein besonderes Vorrecht des Menschensohns (V.6), aber sie ist auch den Menschen und – nach Matthäus – vor allem den christlichen Nachfolger*innen geschenkt (vgl. Mt 18,18). Ihre ganze Kraft entfaltet die Erzählung erst, wenn man V.8 ernstnimmt: Jesus hat eine hervorgehobene Stellung als Menschensohn, aber auch wir alle sind im Rahmen unserer Möglichkeiten zur Vergebung befähigt. Und das Reich Gottes bricht überall dort an, wo wir uns gegenseitig unsere Verletzungen verzeihen, wo Beziehungen wieder heil und Gräben überwunden werden. Das Wunder geschieht dort, wo wir den Sprung wagen, im anderen mehr zu sehen als seine verletzenden Taten. Zu diesem Sprung gehört Mut, aber sicherlich keine Selbstgefälligkeit. Auch und gerade deshalb ist es so heilsam, sich in jedem Akt der Vergebung selbst in Demut zu üben. Die Macht zur Vergebung kommt nicht aus uns selbst, denn sie gründet selbst in der Gnade, die wir von Gott empfangen haben.

von Max Bühler

[1] Nach der Neuen Zürcher Übersetzung.

Sommer-Bibellese 25.8.2019

Psalm 101 (Basisbibel)

Grundlagen einer guten Politik

1 MIT DAVID VERBUNDEN, EIN PSALM.
Von Gnade und Recht will ich singen!
Für dich, HERR, musiziere ich!
2 Ich will einen vorbildlichen Weg gehen.
Wann kommst du zu mir?
Ich will mich so in meinem Haus bewegen,
wie es mein ehrliches Herz verlangt.
3 Ich fasse keine Vorhaben ins Auge,
die Verderben mit sich bringen.
Ich hasse es, wenn Gebote übertreten werden.
Damit will ich nichts zu tun haben.
4 Verkehrte Gedanken lasse ich nicht zu.
Böses kommt mir gar nicht in den Sinn.
5 Wer seinen Freund heimlich verleumdet,
den bringe ich zum Schweigen.
Wer stolz dreinblickt und überheblich ist,
den kann ich wirklich nicht ertragen.
6 Meine Augen suchen die Treuen im Land.
Sie sollen in meiner Nähe wohnen.
Wer einen vorbildlichen Weg einschlägt,
den will ich in meinen Dienst stellen.
7 Doch wer betrügerisch handelt,
den dulde ich nicht in meinem Haus.
Und wer sich aufs Lügen verlegt,
darf mir nicht unter die Augen treten.
8 Alle Frevler, die es im Land noch gibt,
bringe ich jeden Morgen zum Schweigen.
So sollen alle Übeltäter entfernt werden –
aus der Stadt, die dem HERRN gehört.

Wieviele Menschen träumen von gerechten und gütigen Regierungen. Wie wäre die Welt, wenn bei den Mächtigen nicht Macht, Egoismus, Geltungsbedürfnis, Arroganz, Karrieresucht handlungsführend wären, sondern Liebe, Gande, Güte, Recht, Wahrnehmen der Menschen, Treue und Vollkommenheit.

Natürlich kann ich nicht einfach mit dem Finger auf andere zeigen und fordern: Macht das besser. Natürlich ist es einfacher bei den anderen Fehler aufzudecken und nicht bei mir anzufangen. Dieser Psalm aber spricht die Politik, den König und seinen Regierungsapparat an. Es ist die Hoffnung, aber auch Erwartung an eine gute Regierung formuliert.

Die Grundlage einer guten Politik, in Israel ging es um den König und seinen Regierungsapparat, ist dass alle gemeinsam nach Gottes Willen handeln und die Tora als Grundlage sehen. Ungerechtigkeit soll bekämpft werden.

Ja wie sähe unsere Welt aus, wenn diese Grundlagen einer guten Politik beachtet würden.

 

Lasst uns beten zu Gott, durch den wir in Christus das Leben haben:

Für die Mächtigen in der Welt: dass ihre Entscheidungen Leben bewahren, dass sie kein Volk und keinen Menschen unterdrücken und ausbeuten, sondern dem Wohl und dem Frieden der Menschen dienen, lasst uns beten: Erbarme dich Gott. (Auszug aus dem Gesangbuch der Evangelisch-methodistischen Kirche, Stuttgart, 2002, Fürbitte Nr. 761)

 

Damaris Hecker